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"Titanic"-Redakteure ketten sich an Hamburger Michel

Foto-Gallerie auf flickr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 GLAUBE & ZWEIFEL

 

Mila mit Comicsprechblase in Schweineform

Bild: ©Jens Wiesner

Papst-Klage gegen "Titanic": "Ganz klares Eigentor"

Die Satirezeitschrift "Titanic" zeigt den Papst als mit gelben und braunen Flecken auf der Soutane, eine Anspielung auf den "Vatileaks"-Skandal. Der sieht seine Persönlichkeitsrechte verletzt und klagt, zunächst erfolgreich. Doch kurz vor dem Berufungsprozess zieht der Heilige Stuhl seine Klage überraschend zurück.

Die Müdigkeit in den Augen der "Titanic"-Mitarbeiter ist nicht zu übersehen. Manche tragen Sonnenbrillen, viele haben die gesamte Nacht lang nicht geschlafen. Eigentlich wollten sie hier, mitten vor dem Hamburger Landgericht, für ihre Sache protestieren: Im Juli hatten die Satiriker eine Fotomontage von Benedikt XVI. mit gelben und braunen Flecken auf der Soutane abgebildet - in Anspielung auf den "Vatileaks"-Skandal. Dagegen war das katholische Kirchenoberhaupt vor Gericht gezogen - und hatte eine einstweilige Verfügung erwirkt. Seitdem durfte der Titel in seiner ursprünglichen Form nicht mehr vertrieben werden.

Nun ist der Grund für den Protest dahin: Überraschend hatte der Heilige Stuhl am Donnerstagnachmittag seinen Antrag auf einstweilige Verfügung zurückgenommen. Die für den Freitag angesetzte Berufungsverhandlung entfällt damit ersatzlos. Für die bisherigen Gerichtskosten - nach "Titanic"-Angaben immerhin 9000 Euro - muss nun der Vatikan aufkommen.

Verkaufs-Boom dank Klage

"Wir haben den Papst besiegt, was gibt es Schöneres", verkündete Chefredakteur Leo Fischer dementsprechend gut gelaunt,  ungewohnt schlicht in weißem Hemd und schwarzer Hose gekleidet. Zu einer Protestaktion am Hamburger Michel hatte der "Titanic"-Chef am Donnerstag noch Kardinalskluft getragen. Dass der Wirbel um den Titel seinem Magazin auch finanziell genützt hat, gibt Fischer gerne zu. "Normalerweise verkaufen wir rund 70.000 Hefte, beim Papsttitel waren es doppelt so viele." Wenn Bedarf besteht, soll sogar nachgedruckt werden. Also alles nur PR im Namen der Kunstfreiheit? Fischer verneint: "Der Papst hat eine Zeitschrift verboten, die war im Nullkommanix vom Markt, das ist ein erheblicher Eingriff in die Pressefreiheit." Um Rechtssicherheit zu erlangen, habe man deshalb bewusst die Auseinandersetzung gesucht. "Und der Verfahrensweg wäre lange, teuer und anstrengend gewesen."

Dass die Abbildung geschmacklos sei, gar eine Beleidigung von inkontinenzkranken Menschen, wie einen Journalistin kritisch anmerkt, will Fischer nicht gelten lassen. "Das Bild ist Satire, der Hinweis auf einen Missstand mit den Mitteln der Komödie. Man kann das komisch finden oder nicht." Aber verbieten - da ist sich der Chefredakteur sicher und legt für einen Moment seine satirische Haltung ab, verbieten sollte man es deshalb nicht.

Scheiterhaufen

Bild: ©Jens Wiesner

Pressefreiheit auf dem Scheiterhaufen?

In der Redaktion selbst sei der Papst-Titel auch vollkommen unumstritten gewesen. "Wenn es Debatten gibt, haben die meistens keine moralische oder ethische Komponente", so Fischer. Stattdessen stehe die Witzigkeit der Idee im Vordergrund. Günter Flott, Mitglied der "Titanic"-nahen Partei "Die Partei", stimmt zu: „Wir sind nicht gegen den Papst und Glauben, aber für Freiheit“, sagt der Unternehmens- und Bewerbungsberater, der sich aus gegebenem Anlass ein Priestergewand übergeworfen hat. Während hinter ihm Stroh für einen Scheiterhaufen aufgetürmt wird, verteilt er Handzettel. Darauf: "Die zehn Gebote der 'Partei'", inklusive einer Werbung für ein fiktives Inkontinenzmittel. Am Infostand liegt ein Flyer mit dem Bildnis des Borja-Jesus. Das Fresko war durch den gut gemeinten, aber dilettantisch ausgeführten Restaurationsversuch einer alten Dame weltbekannt geworden. Dazu der Text: "Schrecklicher Verdacht. War Jesus behindert?"

Manchen Passanten ist das zuviel der Häme. "Ich kann die Reaktion des Papstes verstehen, ich würde es mir auch nicht gefallen lassen", sagt Frank Tschofen, der aus der Tageszeitung von der Aktion erfahren hat. "Aber wenn ich in seiner Position gewesen wäre, hätte ich niemals dagegen geklagt. Das ist doch ein ganz klares Eigentor." Überreaktion, PR-Gau - es ist die vorherrschende Meinung an diesem Morgen - egal ob die Befragten gläubig sind oder nicht, evangelisch oder katholisch. "Ich finde die Reaktion vom Vatikan [die Klage, Anmerk. d. Red.] schlicht übertrieben", fasst Ingrid, selbst Katholikin, die Stimmungslage zusammen. "Damit gießt man doch sowieso nur Öl in die Flammen des 'Gegners'." Der zeigt sich - nach einem weiteren Papstcover auf der  neuesten Ausgabe - mittlerweile Pontifex-müde: "Ich würde jetzt gerne auf Abstand zum Vatikan gehen und mich auf andere Themen konzentrieren", so Fischer. "Es steht ja eine Bundestagswahl an..."

Dieser Text ist abgešndert am 31.08.2012 auf katholisch.de erschienen.